Am 6. Februar 2027 beginnt in China das neue Mondjahr. In Europa nehmen die meisten das Datum kaum wahr. Für jede Modemarke, die in China fertigen lässt, ist es dagegen der wichtigste Termin des ersten Quartals. Rund um das Fest steht die Produktion im ganzen Land für mehrere Wochen nahezu still. Dazu kommt in diesem Jahr eine Besonderheit: Das Neujahr fällt elf Tage früher als 2026, als es auf den 17. Februar fiel. Wer seine Planung am Vorjahr ausrichtet, verliert damit fast zwei Wochen, ohne es zu bemerken. Für Marken, die im Frühjahr eine neue Kollektion zeigen wollen, entscheidet sich deshalb schon jetzt im November, ob der geplante Launch realistisch ist. Dieser Beitrag erklärt, was rund um das Neujahrsfest in den Fabriken geschieht, wie sich das auf Zeitpläne auswirkt, welche weiteren Feiertage im chinesischen Produktionsjahr eine Rolle spielen und wie sich eine Kollektion trotzdem verlässlich planen lässt.
Was rund um das Neujahrsfest in den Fabriken geschieht
Das Frühlingsfest ist der bedeutendste Feiertag in China. Offiziell dauern die gesetzlichen Feiertage 2027 vom 5. bis zum 12. Februar, also acht Tage. In der Textilindustrie greift dieser Zeitraum jedoch viel zu kurz. Ein großer Teil der Beschäftigten in den Produktionsregionen an der Küste, etwa in Guangdong, Zhejiang oder Fujian, stammt aus Provinzen im Landesinneren. Für viele ist das Neujahr die einzige Gelegenheit im Jahr, ihre Familie zu sehen, und entsprechend früh treten sie die Heimreise an. Die Reisewelle gilt als größte jährliche Wanderungsbewegung der Welt. In den Fabriken sinkt die Kapazität deshalb schon Wochen vor dem eigentlichen Fest. Die Linien laufen mit weniger Personal, offene Aufträge werden abgeschlossen und neue kaum noch begonnen. Nach dem Fest kehrt nicht jeder an seinen alten Arbeitsplatz zurück. Manche wechseln den Betrieb, andere bleiben in ihrer Heimatregion. Die Fabriken stellen dann neue Kräfte ein, die sich erst einarbeiten müssen. Bis die Produktion wieder ihr gewohntes Tempo erreicht, vergeht oft Zeit bis über das Laternenfest am 20. Februar hinaus, nicht selten bis Anfang März. Aus acht offiziellen Feiertagen werden so in der Praxis vier bis sechs Wochen, in denen nur eingeschränkt gefertigt wird. Auch die Zulieferer für Stoffe, Zutaten und Verpackungen pausieren in dieser Zeit. Selbst eine Fabrik, die früh wieder öffnet, kann daher noch auf Material warten. Wie lange die Pause im Einzelfall dauert, legt jeder Hersteller selbst fest. Große Betriebe, wie wir sie für unsere Kunden einsetzen, organisieren den Übergang in der Regel strukturierter als kleine Werkstätten. Doch auch sie folgen dem Rhythmus des Landes.
Die Folgen für Zeitpläne, Fracht und Nachproduktionen
Für Marken betrifft die Pause nicht nur die Wochen, in denen die Maschinen ruhen. Sie verschiebt den gesamten Ablauf davor und danach. In den Wochen vor dem Fest wollen nahezu alle Exporteure gleichzeitig verschiffen. Die Frachtraten steigen üblicherweise ab Mitte Dezember, Containerplätze werden knapp und in den Häfen entstehen Wartezeiten. Ware, die erst kurz vor der Schließung fertig wird, kommt deshalb oft nicht mehr rechtzeitig auf ein Schiff und bleibt bis nach dem Fest beim Hersteller liegen. Ein Auftrag, der im Dezember nur eine Woche hinter dem Plan liegt, kann so am Ende einen Monat später ankommen. Hinzu kommt die Seefracht nach Europa, die mehrere Wochen dauert. Wer seine Kollektion im März oder April verkaufen möchte, muss deshalb rückwärts rechnen. Soll die Ware Mitte März im Lager sein, muss sie Ende Januar verschifft werden. Die Produktion muss also bis Mitte Januar abgeschlossen sein und im Dezember laufen. Stoffe, Farben und Freigaben müssen entsprechend schon im November feststehen. Dasselbe gilt für die Entwicklung. Muster, die im Januar angefragt werden, entstehen oft erst nach der Pause, und jede Korrekturrunde verschiebt den Start der Produktion weiter. Häufig unterschätzt werden auch Nachproduktionen. Ist ein Artikel im Januar ausverkauft, lässt er sich meist erst im März nachfertigen und ist frühestens im späten Frühjahr wieder verfügbar. Ein weiterer Grund für frühe Planung ist der Ablauf in der Fabrik selbst. Eile vor einer langen Pause ist in keiner Branche ein guter Ratgeber. Wir planen Aufträge deshalb so, dass sie nicht in den letzten Tagen vor der Schließung durch die Produktion gedrückt werden müssen. Nach dem Neustart geben wir den Linien Zeit, wieder in ihren gewohnten Ablauf zu finden.
Mit der richtigen Planung pünktlich zum Launch
Das Neujahrsfest lässt sich nicht umgehen, aber gut einplanen. Ausgangspunkt ist immer der Termin, an dem die Ware beim Kunden sein soll. Von dort aus rechnen wir mit dem Hersteller rückwärts, bis feststeht, wann welche Entscheidung getroffen sein muss. Am stärksten wirkt sich aus, wie schnell eine Marke selbst entscheidet. Sind Schnitte, Stoffe, Farben und Größen frühzeitig freigegeben, gewinnt die Produktion Wochen, die in keiner Fabrik nachgeholt werden können. Eine klar definierte Markenidentität hilft dabei, weil viele Detailfragen zu Etiketten, Verpackung oder Farbwelt dann schon beantwortet sind. Wie sich das im Alltag auszahlt, beschreiben wir im Beitrag über das Brand Book. Ebenso wichtig ist ein früher Austausch mit dem Hersteller. Wir klären für unsere Kunden, bis wann Aufträge angenommen werden, wann die letzte Ware das Werk verlässt und ab wann wieder mit voller Kapazität gefertigt wird. Diese Termine unterscheiden sich von Betrieb zu Betrieb, und erst mit ihnen lässt sich ein Zeitplan belastbar aufstellen. Passt der gewünschte Launch nicht mehr in dieses Fenster, ist es meist klüger, ihn um einige Wochen zu verschieben, als die Produktion in die Zeit vor der Schließung zu zwängen. Ein Launch im Mai ist für eine Frühjahrskollektion kein Nachteil, wenn Ware und Kommunikation dann stimmen. Luftfracht kann im Einzelfall Zeit gewinnen, ist aber deutlich teurer und eignet sich eher für kleine Mengen als für ganze Kollektionen. Wie stark solche Entscheidungen den Preis eines einzelnen Teils verändern, zeigen wir im Beitrag über Produktionskosten in der Mode. Für manche Produkte kann außerdem eine Fertigung in der Türkei sinnvoll sein, weil dort ein anderer Feiertagskalender gilt. Ob das passt, hängt vom Artikel, den Mengen und dem gewünschten Material ab.
Das Neujahrsfest ist der längste, aber nicht der einzige Einschnitt im chinesischen Produktionsjahr. Anfang April folgt das Qingming-Fest, an dem viele Familien die Gräber ihrer Vorfahren besuchen, mit einigen freien Tagen. Rund um den Tag der Arbeit am 1. Mai ruht die Arbeit meist fünf Tage lang. Ende Mai oder im Juni kommt das Drachenbootfest hinzu, im September oder Anfang Oktober das Mondfest. Den größten Einschnitt nach dem Neujahr bildet die Goldene Woche rund um den Nationalfeiertag am 1. Oktober, in der viele Fabriken eine Woche lang schließen. Sie fällt genau in die Zeit, in der Herbst- und Winterware das Werk verlassen sollte und die Muster für das kommende Frühjahr entstehen. Wie vor dem Neujahr wollen auch hier viele Exporteure ihre Ware vorher noch auf den Weg bringen, sodass Fracht schon im September knapp und teurer werden kann. Hinzu kommt eine Besonderheit des chinesischen Kalenders: Um längere Feiertagsblöcke zu schaffen, werden Arbeitstage auf Wochenenden verlegt. Ein Samstag kann dann ein regulärer Arbeitstag sein, während ein Dienstag frei ist. Den genauen Kalender für das Folgejahr veröffentlicht die Regierung erst gegen Ende des laufenden Jahres, und jeder Hersteller legt seine eigenen Betriebsferien darauf fest. Wer diese Termine von Anfang an mitdenkt, erlebt sie nicht als Störung, sondern als feste Punkte im Kalender, um die herum sich eine Kollektion gut planen lässt.
Wer eine Kollektion für das Frühjahr 2027 plant und wissen möchte, welcher Zeitplan realistisch ist, erreicht uns unter contact@nabr-studios.de.



