Einige Marken, die zu uns kommen, stehen ganz am Anfang. Es gibt eine Idee, einen Namen, oft schon ein Moodboard – aber noch keine Erfahrung mit der Herstellung von Kleidung. Das ist völlig normal. Jede Marke hat einmal so begonnen. Auffällig ist dabei ein Muster, das sich fast immer wiederholt. Gewünscht wird die beste Qualität, der schwerste Stoff, dazu Stickerei, Puff Print, eine Garment-Waschung und gewebte Labels im eigenen Design. Wenn dann das Angebot vorliegt, ist die Überraschung groß. Dahinter steckt selten ein Missverständnis über Qualität, sondern eines darüber, wie Produktionskosten in der Mode entstehen. Wer Kleidung produzieren lassen will, sieht am Ende ein fertiges Teil – nicht die vielen einzelnen Schritte, die darin stecken. Genau dort entsteht der Preis.
Der Wunsch nach allem
Der Anspruch ist nachvollziehbar. Wer eine eigene Marke gründet, möchte sich von Anfang an abheben. Die Vorbilder sind meist etablierte Labels, deren Teile in Stoff, Verarbeitung und Details überzeugen. Das Ziel ist, mindestens auf diesem Niveau einzusteigen. Dazu kommt, dass die Möglichkeiten verlockend sind. Stickerei wirkt hochwertig, Puff Print gibt Struktur, eine Waschung sorgt für einen getragenen Look, und eigene Zipper-Pulls oder Kordelenden setzen ein Statement. Jede dieser Techniken hat ihre Berechtigung. Das Problem ist nicht die einzelne Entscheidung, sondern die Summe. Jede Veredelung ist ein eigener Arbeitsschritt, oft sogar ein eigener Betrieb. Der Stoff wird zugeschnitten, das Teil wandert zur Stickerei, dann zur Druckerei, zurück in die Näherei und anschließend in die Wäscherei. Jeder Weg kostet Zeit, jede Station kostet Geld. Hinzu kommt, dass sich die Techniken gegenseitig beeinflussen. Eine Garment-Waschung verändert Farbe und Griff des Stoffes und wirkt sich auch auf Druck und Stickerei aus. Was einzeln gut funktioniert, muss in Kombination erst abgestimmt und getestet werden. Auch dieser Aufwand steckt im Preis. So entsteht ein Kleidungsstück, das auf dem Papier alles hat – dessen Herstellungskosten am Ende aber kaum noch zu dem Verkaufspreis passen, den die Zielgruppe bereit ist zu zahlen.
Kleine Mengen, hoher Stückpreis
Der zweite große Faktor ist die Menge. Wer neu startet, plant verständlicherweise vorsichtig und möchte mit kleinen Stückzahlen beginnen. Genau hier liegt einer der größten Hebel beim Endpreis: Je weniger produziert wird, desto teurer wird jedes einzelne Teil. Der Grund ist, dass ein großer Teil der Kosten unabhängig von der Stückzahl anfällt. Maschinen müssen eingerichtet, Schnitte gradiert, Stickprogramme erstellt und Siebe für den Druck vorbereitet werden. Ob danach 100 oder 1.000 Teile laufen, ändert an diesem Aufwand wenig. Bei kleinen Mengen verteilt er sich nur auf deutlich weniger Teile. Besonders deutlich wird das bei der Färbung. Stoffe werden in Partien gefärbt, und eine Färbeanlage wird nicht für ein paar Meter Stoff in Betrieb genommen. Wer eine eigene Farbe möchte, bewegt sich deshalb schnell in Mengen, die über den eigentlichen Bedarf einer ersten Kollektion hinausgehen. Daraus ergeben sich die sogenannten Mindestabnahmemengen. Professionell arbeitende Produktionen sind auf Abläufe ausgelegt, die sich erst ab einer gewissen Stückzahl rechnen. Viele starten nicht bei 100 Teilen, sondern deutlich darüber. Kleinere Werkstätten fertigen teilweise auch geringere Mengen. Wir arbeiten bewusst mit großen Herstellern zusammen – entsprechend gelten bei uns auch deren Mindestmengen. Das ist keine Willkür, sondern Kalkulation. Jedes Detail, jeder Arbeitsschritt und jede Einstellung kostet Zeit, und Zeit wird in der Produktion in Geld gerechnet. Bei kleinen Mengen wird dieser Zusammenhang nur sichtbarer.
Hochwertig produzieren, gezielt sparen
Die gute Nachricht: Eine starke Marke braucht nicht alles auf einmal. Viele erfolgreiche Labels sind mit einem klaren Produkt und einem einzigen wiedererkennbaren Detail gestartet. Dieses Detail trägt die Marke – nicht die Anzahl der Techniken. Der sinnvollste Weg ist, die Kalkulation umzudrehen. Statt mit dem Wunschprodukt zu beginnen, startet man beim Verkaufspreis. Was ist die Zielgruppe bereit zu zahlen? Welche Marge braucht die Marke, um davon zu leben und weiter zu wachsen? Daraus ergibt sich, welches Budget für die Herstellung überhaupt zur Verfügung steht. Innerhalb dieses Rahmens wird priorisiert. Lieber ein wirklich guter Stoff mit sauberer Verarbeitung und einer einzigen markanten Veredelung als ein Teil, das alles gleichzeitig will. Weniger Elemente lassen dem Design mehr Raum und machen die Marke oft klarer. Dabei hilft es enorm, vorher zu wissen, wofür die Marke stehen soll. Wer seine Identität in einem Brand Book festgehalten hat, kann viel leichter entscheiden, welches Detail wirklich zur Marke gehört und welches nur nett wäre.
Auch innerhalb des Budgets gibt es Stellschrauben, mit denen sich ein hochwertiges Produkt umsetzen lässt, ohne an der falschen Stelle zu sparen. Die wirkungsvollste betrifft oft den Stoff. Statt eine eigene Farbe färben zu lassen, kann auf Meterware zurückgegriffen werden, die bereits eingefärbt auf Lager liegt. Das ist dann vielleicht nicht exakt das Rot aus dem Moodboard, aber häufig ein Ton, der sehr nah herankommt. Wer hier offen für Alternativen ist, umgeht die Mindestmengen der Färberei und spart spürbar. Auch beim Gewicht lohnt sich ein zweiter Blick. Ein besonders schwerer Hoodie klingt nach Qualität und liegt im Trend, ist aber nicht automatisch das bessere Produkt. Oft trifft eine mittlere Grammatur den Punkt zwischen Wertigkeit, Tragegefühl und Preis besser. Was das Stoffgewicht tatsächlich über Qualität aussagt, haben wir an anderer Stelle ausführlicher beschrieben. Ähnlich verhält es sich mit der Innenseite. French Terry mit seinen feinen Schlaufen ist beliebt, aber nicht die einzige gute Wahl. Eine angeraute Innenseite ist meist günstiger und wird von vielen sogar bevorzugt, weil sie sich weicher und kuscheliger anfühlt. Auch die Veredelung bietet Alternativen. Ein Digitaldruck kann eine Stickerei ersetzen, gerade bei detailreichen oder mehrfarbigen Motiven. Ein klassischer Siebdruck statt Puff Print, ein Nackendruck statt eines gewebten Labels oder ein aufgenähter Patch statt einer großflächigen Stickerei erzielen oft eine ähnliche Wirkung zu einem anderen Preis. Wo die Stickerei bleiben soll, senkt ein kleineres Motiv mit weniger Stichen die Kosten. Dazu kommt die Breite der Kollektion. Lieber wenige Produkte, die rund sind und zueinander passen, als möglichst viele Teile, von denen keines ganz zu Ende gedacht ist. Weniger Styles und weniger Farbvarianten bedeuten außerdem mehr Stück pro Variante und damit einen besseren Preis pro Teil. Wer mehrere Teile aus demselben Stoff fertigt, etwa Hoodie und Jogger, bündelt zusätzlich die Stoffmenge. Mehr dazu, worauf es bei einer ersten Kollektion ankommt, steht im Beitrag Die erste Kollektion braucht Fokus – keine Fülle.
Es gibt allerdings Bereiche, in denen Sparen am Ende teurer wird. Dazu gehören vor allem Zutaten, die mechanisch beansprucht werden. Ein Reißverschluss, der hakt oder hängen bleibt, lässt selbst ein sehr gutes Produkt sofort billig wirken. Nicht ohne Grund setzen so viele Marken auf einen bestimmten Hersteller, wie wir im Beitrag zum Reißverschluss YKK beschrieben haben. Ähnlich ist es bei Ösen, Druckknöpfen und anderen Metallteilen. Minderwertige Ausführungen können rosten, und nach dem Waschen läuft der Rost im schlimmsten Fall in den Stoff. Aus einem kleinen Bauteil wird dann ein Schaden am ganzen Kleidungsstück. Am Ende geht es um Kompromisse an den richtigen Stellen. Gespart wird dort, wo es kaum jemand bemerkt. Investiert wird dort, wo die Marke spürbar wird und wo Qualität über die Haltbarkeit entscheidet – im Griff des Stoffes, in der Passform, in den Zutaten und in dem einen Detail, das wiedererkannt wird. Und schließlich darf eine Kollektion mitwachsen. Mit steigenden Stückzahlen sinkt der Preis pro Teil, und der Spielraum für aufwendigere Techniken wird größer. Was in der ersten Kollektion noch zu teuer ist, kann in der zweiten oder dritten genau das richtige Upgrade sein.
Wer seine erste Kollektion plant und Wunsch und Budget sinnvoll zusammenbringen möchte, erreicht uns unter contact@naber-studios.com.


